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Projekt Aufklärung · Dossier · Wissenschaft & Macht

Wissenschaft & Macht

Wie Markt und Staat die Evidenz beugen — Ergebnisfälschung und die Asymmetrie der Lüge.

Anhören — gelesen von Mira

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Die populäre These lautet: Wissenschaft und Kapitalismus seien unvereinbar. Das ist zu grob — und zu eng. Der Bruch entsteht überall an derselben Stelle: dort, wo Macht die Wahrheit teuer macht. Unter dem Markt ist der Hebel der Profit; unter ideologischen Staaten sind es Doktrin und Plan. Dann biegt sich, verlässlich, die Evidenz.

Eine große Waage: die eine Schale trägt einen Stapel Papiere, die andere wird von einer riesigen Hand mit Goldmünzen nach unten gezogen.
Tafel · Die gebeugte Waage Wo die Macht die Wahrheit teuer macht, biegt sich die Evidenz.
Kennzahl
36 %
der Psychologie-Befunde ließen sich replizieren
Kennzahl
~2×
Odds, dass gesponserte Studien „positiv" ausfallen
Kennzahl
10 000+
zurückgezogene Papers allein 2023 — Rekord
Kennzahl
~40 %
Gewinnmarge des größten Wissenschaftsverlags

Die Befunde · I–III

Drei Messungen, ein Muster

Bevor es um Einzeltäter geht: Das Problem ist systemisch und messbar. Drei unabhängige Forschungsstränge zeigen dasselbe — nicht jeder publizierte Befund hält, und Geld verschiebt die Richtung der Ergebnisse.

I · Die Reproduzierbarkeitskrise

Was passiert, wenn man veröffentlichte Studien einfach noch einmal durchführt.

Kennzahl
36%
der replizierten Psychologie-Studien blieben signifikant — bei 97 % signifikanter Originale. Effekte halb so groß.
Kennzahl
11%
der „landmark"-Krebsstudien konnte Amgen reproduzieren (6 von 53).
Kennzahl
~25%
validierbare präklinische Studien bei Bayer („Believe it or not").
Kennzahl
70%
der Forschenden scheiterten an fremden Experimenten, >50 % an den eigenen (Nature-Umfrage).

Schon 2005 trug Ioannidis seinen meistzitierten Aufsatz mit dem Titel „Warum die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind". Die Krise betrifft alle Felder — von Psychologie bis Onkologie.

II · Der Funding-Effekt

Cochrane-Review (Lundh et al. 2017): 75 Arbeiten, 4.583 Studien. Vom Hersteller gesponserte Studien fallen systematisch günstiger aus — ein Bias, den die üblichen Qualitätschecks nicht erfassen.

Günstige Schlussfolgerung Odds Ratio · Lundh 20172,69×

Günstiges Ergebnis Odds Ratio · Lundh 20172,05×

Frühere Schätzung Bekelman 20033,60×

Frühere Schätzung Lexchin 20034,05×

Pikant: Industriestudien hatten teils das geringere Bias-Risiko bei der Verblindung. Die Verzerrung sitzt also nicht im offensichtlichen Handwerk, sondern im Subtilen — in Fragestellung, Studiendesign, selektivem Berichten und im „Spin" der Schlussfolgerung.

III · Der Publikationsbias

Turner et al., NEJM 2008 — Antidepressiva-Zulassungsstudien gegen die FDA-Akten geprüft.

Kennzahl
31%
von 74 FDA-registrierten Studien wurden nie veröffentlicht.
Kennzahl
94%
der Studien wirkten in der Fachliteratur positiv …
Kennzahl
51%
… laut FDA-Akten waren es tatsächlich nur so viele.
Kennzahl
+32%
um so viel war die scheinbare Wirksamkeit aufgebläht.

Wer nur die positiven Studien publiziert, lässt ein Medikament wirksamer aussehen, als es ist — ohne eine einzige Zahl zu fälschen. Weglassen genügt.

Die Akten

Top 10 der Betrugsfälle

Zuerst der Markt: geordnet nicht nach Bekanntheit, sondern nach realem Schaden — Tote, fehlgeleitete Politik, verlorene Jahre. Jeder Fall folgt demselben Muster: Eine Behauptung war billig herzustellen; die Aufklärung war teuer und kam spät. Die staatliche Hälfte folgt direkt darunter.

01 · ab 1950er · Public Health · Manufactured Doubt

Die Tabakindustrie

Interne Studien belegten früh die Krebsgefahr. Nach außen wurde mit bezahlten Wissenschaftlern systematisch Zweifel produziert. Ein internes Memo (R.J. Reynolds, 1969): „Doubt is our product." Das Ziel war nie, recht zu haben — sondern Kontroverse zu erzeugen.

Auswirkung Jahrzehntelange Verzögerung von Regulierung und Entschädigung; Millionen vermeidbarer Tote. Das Drehbuch wurde später nahezu unverändert für Saurer Regen, Ozonloch und Klimawandel wiederverwendet (Oreskes/Conway, „Merchants of Doubt").

02 · ab 1996 · Pharma-Marketing · Opioidkrise

OxyContin · Purdue Pharma

Verkaufsargument: „Weniger als 1 % der Patienten werden abhängig." Gestützt wurde das u. a. auf einen 110-Wörter-Leserbrief von 1980 (Porter & Jick), der genau das nicht belegte — geschrieben 16 Jahre vor der Markteinführung.

Auswirkung Mit-Auslöser der US-Opioid-Epidemie — über 500.000 Tote in zwei Jahrzehnten. Schuldbekenntnisse 2007 (634,5 Mio. $) und 2020 (Vergleichsrahmen bis 8,3 Mrd. $).

03 · 1999–2004 · Pharma · Datenunterdrückung

Vioxx · Merck

Das kardiovaskuläre Risiko wurde verschwiegen. In der VIGOR-Studie wurden Herzinfarkt-Daten vor der NEJM-Einreichung gelöscht; in 16 von 20 Studien stand zunächst ein Merck-Mitarbeiter als Erstautor (Ghostwriting).

Auswirkung Geschätzt 88.000–140.000 zusätzliche Herzkrankheitsfälle, davon rund 38.000–55.000 tödlich. Marktrücknahme am 30. September 2004; rechtliche Haftung auf bis zu ~50 Mrd. $ geschätzt.

04 · 1965–67 · Ernährungswissenschaft · Verdeckte Finanzierung

Die Zuckerindustrie

Die Sugar Research Foundation bezahlte Harvard-Forscher (~6.500 $, heute ≈ 48.000 $) für eine NEJM-Übersicht, die Fett beschuldigte und Zucker entlastete. Die Finanzierung wurde nicht offengelegt; ein Entwurf wurde dem Geldgeber vorab vorgelegt.

Auswirkung Prägte über Jahrzehnte die „Fett, nicht Zucker"-Ausrichtung von Ernährungsforschung und -politik — mit Folgen, die bis in heutige Adipositas- und Diabetes-Debatten reichen.

05 · 1998 · Impfstoffe · Fälschung

Wakefield · MMR & Autismus

Eine gefälschte Lancet-Studie an nur 12 Kindern verknüpfte die MMR-Impfung mit Autismus. Wakefield erhielt >600.000 £ von einem klagenden Anwalt; 2004 teilweise, 2010 vollständig zurückgezogen, Approbation entzogen.

Auswirkung Impfquote in England 1996–2002 von 91,8 % auf ~81 % (in London <60 %); Rückkehr der Masern. Der widerlegte Mythos wirkt 25+ Jahre später weiter — das Lehrstück der Asymmetrie (s. u.).

06 · ab 2011 · Chirurgie / Stammzellen · Tödlich

Macchiarini · Karolinska

Synthetische, stammzellbeschichtete Luftröhren wurden im Lancet als „Erfolg" beschrieben — Komplikationen wurden verschwiegen, ein Befund („4-Monats-Kontrolle ohne Komplikationen") nachweislich gefälscht.

Auswirkung 7 von 8 Transplantationspatienten starben. 2023 in Schweden verurteilt (30 Monate Haft wegen Körperverletzung); mehrere Lancet-Retraktionen.

07 · 2003–2018 · MedTech · Investorenbetrug

Theranos · Elizabeth Holmes

Ein „Ein-Tropfen"-Bluttest, der nie zuverlässig funktionierte. Patienten erhielten falsche Befunde (u. a. ein falsch-positiver HIV-Test, eine falsch ausgelöste Medikamentenumstellung).

Auswirkung Bewertung zeitweise ~9–11 Mrd. $. Holmes: 11 Jahre 3 Monate Haft, Balwani ~13 Jahre; 452 Mio. $ Rückerstattung. Verurteilung 2025 in der Berufung bestätigt.

08 · 2004–05 · Stammzellforschung · Fabrikation

Hwang Woo-suk

Angeblich weltweit erste geklonte menschliche embryonale Stammzelllinien (Science). Die Daten waren fabriziert, Eizellen unethisch beschafft.

Auswirkung Beide Science-Artikel zurückgezogen; 2009 in Südkorea wegen Veruntreuung und Verstößen gegen das Bioethikgesetz verurteilt. Ein ganzes Forschungsfeld wurde jahrelang fehlgeleitet.

09 · 2020 · COVID-19 · Phantomdaten

Surgisphere

Eine angebliche globale Patientendatenbank stützte zwei vielbeachtete Studien (Lancet zu Hydroxychloroquin, NEJM). Die Daten ließen sich nie unabhängig verifizieren — die Firma legte sie nicht offen.

Auswirkung Beide Studien binnen Wochen zurückgezogen; klinische Studienarme (u. a. bei der WHO) wurden zeitweise gestoppt — mitten in einer Pandemie verzerrte das die Forschung weltweit.

10 · 2023 · Neurowissenschaft · Unterlassene Korrektur

Tessier-Lavigne · Stanford

Eine Untersuchung bestätigte manipulierte Daten in von ihm geleiteten Laboren. Er selbst wurde nicht der Fälschung bezichtigt — aber er korrigierte den wissenschaftlichen Rekord über Jahre nicht, obwohl Probleme bekannt waren.

Auswirkung Rücktritt als Präsident der Stanford University (31. August 2023); mehrere Retraktionen und Korrekturen, darunter eine vielbeachtete Alzheimer-Studie.

Die andere Hälfte

Wissenschaft unter dem Staat

Es ist nicht „der Kapitalismus". Tausche Profit gegen Ideologie und Plan — und dieselbe Maschine läuft weiter. Nur die Sanktion gegen Abweichler wird härter: nicht Klage und Förderentzug, sondern Gulag, Berufsverbot, Tod. Wo eine Macht die Wahrheit teuer macht, biegt sich die Evidenz — gleich, welche Farbe die Fahne hat.

01 · 1948 · Genetik · Ideologie über Evidenz

Lyssenko · Sowjetunion

Trofim Lyssenko erklärte die westliche Genetik zur „bürgerlichen Pseudowissenschaft" — persönlich gedeckt von Stalin. 1948 wurde die Genetik in der UdSSR faktisch verboten, Lehrbücher umgeschrieben, Versuchsbestände vernichtet.

Auswirkung Der Genetiker Nikolai Wawilow starb 1943 im Lager (verhungert); über 3.000 Biologen wurden entlassen, inhaftiert oder erschossen. Sowjetische Biologie und Landwirtschaft waren bis Mitte der 1960er zurückgeworfen — Hungersnöte verschärft.

02 · 1958–62 · Agrar/Ökologie · Doktrin über Warnung

Mao · Krieg gegen die Spatzen

In der „Vier-Plagen"-Kampagne wurden ~2 Milliarden Spatzen getötet — gegen die ausdrückliche Warnung des Biologen Zhu Xi. Dazu kamen aus der UdSSR importierte Lyssenko-Methoden (extreme Nahpflanzung).

Auswirkung Ohne Spatzen explodierten Schädlinge wie Heuschrecken; die Ernten brachen ein. Die Spatzen-Kampagne allein erklärt ~20 % des Ernteeinbruchs und ~2 Mio. direkte Tote — Teil der Großen Hungersnot mit 15–55 Mio. Toten. Kader meldeten erfundene Erfolge nach oben.

03 · 1930er · Physik · „Rasse" über Wahrheit

„Deutsche Physik" · NS-Staat

Die Nobelpreisträger Philipp Lenard und Johannes Stark brandmarkten Einsteins Relativität als „jüdische Physik" und wollten eine „arische" Physik durchsetzen; jüdische Forscher wurden aus den Universitäten gedrängt.

Auswirkung Abwanderung der weltbesten Köpfe (Einstein u. v. a.) und dauerhafter Verlust der deutschen Physik-Spitze. Die Ideologie scheiterte erst, als ausgerechnet die „jüdische" Quanten- und Kernphysik kriegswichtig wurde.

04 · 1968–89 · Sportmedizin · Prestige über Menschen

DDR-Staatsdoping · Plan 14.25

Wissenschaft im Dienst des Staatsprestiges: Unter „Staatsplanthema 14.25" erhielten ~9.000 Athleten — auch Kinder ab etwa 10 — heimlich Oral-Turinabol, betreut von bis zu ~1.500 Ärzten und Wissenschaftlern. Kaum ein Sportler fiel je durch einen offiziellen Test.

Auswirkung Schwere Spätfolgen: Leberschäden, Tumore, Herzkrankheiten, Unfruchtbarkeit, Fehlbildungen bei Kindern der Betroffenen. Ein staatlich organisierter, ärztlich überwachter Menschenversuch.

05 · 1976–83 · Ökonomie/Statistik · Der Plan zwingt zur Lüge

Plan-Statistik · Pripiski & Baumwolle

Wo das Soll „erfüllt" werden muss, werden Zahlen erfunden — pripiski. Größter Fall: die usbekische Baumwoll-Affäre. Milliarden Rubel flossen für Baumwolle, die es nie gab; aufgeflogen erst durch Spionagesatelliten, die leere Felder zeigten.

Auswirkung Rund 4 Mrd. Rubel Schaden; eine der größten Säuberungen nach Stalin — etwa 58.000 Funktionäre betroffen, ~20.000 strafrechtlich verfolgt. Die Statistik als Steuerungsinstrument war zerstört.

06 · Gegenwart · Forschungsbetrieb · Bürokratischer Anreiz

China heute · die Paper-Mill-Industrie

Beförderung und Boni hängen an Publikationszahlen — also kauft man sie. Eine ganze Industrie verkauft Fake-Studien und Autorenschaften. Kein Profitmotiv im Marktsinn, sondern bürokratischer Plandruck.

Auswirkung Mit-Treiber der über 10.000 Retraktionen von 2023; die höchsten Rückzugsraten zeigen u. a. Saudi-Arabien, Pakistan, Russland und China. Derselbe Goodhart-Mechanismus wie „publish or perish" im Westen — nur anders getaktet.

Die Synthese

Ein Mechanismus, zwei Hebel

Markt und Staat sehen aus wie Gegensätze. Im Verhältnis zur Wahrheit sind sie dieselbe Maschine mit zwei Hebeln — der eine kauft, der andere zwingt.

Hebel: Profit

Der Markt

Was sich biegtStudien, Zulassungen, Ernährungs-Leitlinien — zugunsten des Produkts.

Sanktion gegen AbweichlerFörderentzug, Karriere-Aus, Klage, Rufmord.

Tarnung„Mehr Forschung nötig", produzierter Zweifel, „Spin".

BeispieleTabak · Vioxx · OxyContin · Zucker.

Hebel: Ideologie & Plan

Der Staat

Was sich biegtGanze Disziplinen, Statistiken, Lehrbücher — zugunsten der Doktrin.

Sanktion gegen AbweichlerBerufsverbot, Lager, Erschießung.

Tarnung„Bürgerliche Pseudowissenschaft", Plan-Erfüllung, Patriotismus.

BeispieleLyssenko · Spatzen · „Deutsche Physik" · Doping.

Der Hebel

Die Asymmetrie der Lüge

Warum lohnt sich Fälschung überhaupt? Weil das Aufstellen einer Behauptung billig ist und ihr Entlarven teuer. Diese Schere ist der eigentliche Mechanismus hinter jedem Fall oben.

Eine unsymmetrische Wippe: am kurzen, schweren Ende hetzt eine winzige Gestalt, am langen, oben schwebenden Ende drängt eine ganze Menge Redner vergeblich nach unten.
Tafel · Die Asymmetrie Eine Behauptung wiegt eine ganze Menge Widerlegungen auf — die Schere geht nie zu.

Drei? Zehn? Die Richtung zählt.

Die These, das Entlarven koste dreimal so viel Aufwand wie das Lügen, ist eher die konservative Untergrenze. Die bekannteste Formulierung ist Brandolinis Gesetz (Alberto Brandolini, 2013): die Energie, Bullshit zu widerlegen, sei um eine Größenordnung höher als die, ihn zu produzieren — also grob das Zehnfache. Brandolini selbst nennt es ausdrücklich eine Beobachtungsfaustregel, kein gemessenes Naturgesetz.

Kennzahl
konservative Untergrenze — die vorsichtige Lesart
Kennzahl
10×
Brandolinis Gesetz — „eine Größenordnung", 2013
Kennzahl
Gish-Gallop — zehn Lügen pro Minute, unaufholbar

Warum die Schere aufgeht

  • Asymmetrischer Aufwand. Eine Behauptung braucht einen Satz. Eine Widerlegung muss Belege sammeln, Nuancen erklären und Gegeneinwände vorwegnehmen — oft Stunden bis Tage.
  • Der Gish-Gallop. Wer in einer Minute zehn falsche Behauptungen raushaut, bindet den Faktenchecker für Stunden. Menge schlägt Substanz.
  • Der Continued-Influence-Effekt. Selbst nach einer klaren Richtigstellung wirkt die ursprüngliche Falschinformation im Gedächtnis weiter — eine Korrektur „überschreibt" sie nie ganz.
  • Das Gefälle der Verbreitung. Wahrheit ist langsamer als Lüge — und das ist gemessen.

Empirie: Lügen reisen schneller

Vosoughi, Roy & Aral, Science 2018 (MIT) — bis dahin größte Studie dazu: ~126.000 Geschichten, von ~3 Mio. Menschen 4,5 Mio.-mal geteilt, 2006–2017. Falschmeldungen verbreiteten sich in jeder Kategorie weiter, schneller, tiefer und breiter als die Wahrheit.

Kennzahl
länger braucht die Wahrheit, um 1.500 Menschen zu erreichen
Kennzahl
20×
länger, um über zehn Weiterleitungs-Stufen zu springen
Kennzahl
70%
häufiger wird Falsches retweetet als Wahres

Im Labor dieses Dossiers sichtbar

  • Wakefield: eine gefälschte Studie 1998 — 12 Jahre bis zur vollständigen Rücknahme (2010). Der Mythos überlebt sie um Jahrzehnte.
  • Vioxx: Daten zu löschen war ein Handgriff. Sie ans Licht zu holen brauchte Jahre, unabhängige Re-Analysen und einen FDA-Whistleblower.

Das ist die ökonomische Pointe: Fälschung ist billig, Aufklärung ist teuer — und der Schaden wird externalisiert. Genau diese Asymmetrie macht Ergebnisfälschung rational, solange niemand die wahren Kosten dem Verursacher zurechnet.

Die ökonomische Schicht

Die Verlage: dreimal zahlen

Über den einzelnen Studien sitzt eine Industrie, die außerhalb der Marktlogik Profite aus der Wissenschaft zieht. Das Muster heißt „Triple-Pay":

  • Die Öffentlichkeit zahlt die Forschung über Steuern und Fördermittel.
  • Wissenschaftler liefern Texte und Peer-Review meist gratis.
  • Universitäten kaufen das Ergebnis teuer zurück — und öffentlich finanzierte Forschung landet hinter Paywalls.
Ein Gelehrter mit Umhängetasche zahlt an jedem von drei aufeinanderfolgenden Drehkreuzen eine Münze, bevor eine riesige verschlossene Archivtür mit goldenem Schlüsselloch steht.
Tafel · Dreimal zahlen Erst finanzieren, dann verschenken, dann zurückkaufen — dreimal an dieselbe Tür.
Kennzahl
~40%
Gewinnmarge bei Elsevier/RELX (2023) — auf dem Niveau von Apple oder Google.
Kennzahl
3,6 Mrd.
Profit der Muttergesellschaft RELX, 2023 (in $).
Kennzahl
~50%
der weltweiten Forschungsausstöße entfallen auf die „Big Five".
Kennzahl
19 Mrd.
Jahresumsatz der Branche (2020, in $) — profitabler als Musik- und Filmindustrie.

Das ist kein Betrug im strafrechtlichen Sinn — aber dieselbe Logik: Ein öffentliches Gut (Wissen) wird in privaten Profit umgeleitet, und der Zugang zur Wahrheit wird künstlich verknappt.

Die ehrliche Kehrseite

Gegenrede (Steelman)

Ein Dossier, das nur anklagt, baut selbst ein Feindbild. Darum die stärksten Einwände — ungeschönt:

  • Selbstkorrektur. Sämtliche Befunde oben sind Wissenschaft, die sich selbst ertappt — Replikationsprojekte, Retraction Watch, PubPeer, Sleuths wie Elisabeth Bik. Der Leiter der großen Psychologie-Replikation, Brian Nosek, nannte sein Projekt ausdrücklich „eine Demonstration der Selbstkorrektur".
  • Nicht exklusiv kapitalistisch. Siehe die staatliche Hälfte oben: Lyssenko, „Deutsche Physik", DDR-Doping, Plan-Statistik. „Publish or perish" und Paper Mills sind bürokratischer Druck, nicht reiner Markt — die höchsten Rückzugsraten zeigen u. a. Saudi-Arabien, Pakistan, Russland und China.
  • Kapital finanziert echte Wissenschaft. Ohne marktgetriebene Forschung gäbe es weder die mRNA-Skalierung noch einen Großteil angewandter Innovation. Der Profit ist nicht nur Gegner der Wahrheit, oft auch ihr Geldgeber.

Belege

Quellen

  1. 01 · Open Science Collaboration, „Estimating the reproducibility of psychological science", Science 2015. science.org
  2. 02 · Begley & Ellis, „Raise standards for preclinical cancer research", Nature 483, 2012 (Amgen 6/53). nature.com
  3. 03 · Prinz et al. (Bayer), „Believe it or not", Nature Reviews Drug Discovery 2011. — Baker, „1,500 scientists lift the lid on reproducibility", Nature 2016.
  4. 04 · Lundh et al., „Industry sponsorship and research outcome", Cochrane Database 2017. cochranelibrary.com
  5. 05 · Turner et al., „Selective Publication of Antidepressant Trials", NEJM 358, 2008. nejm.org
  6. 06 · Kearns, Schmidt & Glantz, „Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research", JAMA Internal Medicine 2016.
  7. 07 · Oreskes & Conway, „Merchants of Doubt" (2010); Michaels, „Doubt Is Their Product" (2008). „Doubt is our product": R.J. Reynolds-Memo, 1969.
  8. 08 · Purdue / OxyContin: U.S. DOJ-Verfahren 2007 & 2020; Porter & Jick, NEJM 1980 (Leserbrief). promarket.org
  9. 09 · Vioxx: Graham et al., Lancet 2005 (88.000–140.000 Fälle); Union of Concerned Scientists, „Merck Manipulated the Science about Vioxx".
  10. 10 · Wakefield: Brian Deer, BMJ 2011; Lancet-Retraktion 2010. Übersicht
  11. 11 · Macchiarini: Science/AAAS 2023 (Verurteilung, 30 Monate); Lancet-Retraktionen 2018/2023.
  12. 12 · Theranos: U.S. DOJ, San José 2022 (135 Monate; 452 Mio. $ Restitution); Berufung bestätigt 2025.
  13. 13 · Tessier-Lavigne: Science 2023; Stanford Board of Trustees, Filip-Report 2023.
  14. 14 · Retraktionen: Van Noorden, „More than 10,000 research papers were retracted in 2023", Nature 624, 2023.
  15. 15 · Verlage: The Conversation 2025; The Nation 2023; Buranyi, The Guardian 2017 („triple-pay").
  16. 16 · Brandolinis Gesetz: A. Brandolini, 2013 (öffentlich formuliert). Übersicht
  17. 17 · Vosoughi, Roy & Aral, „The spread of true and false news online", Science 359, 2018. science.org
  18. 18 · Lyssenko / Wawilow: deJong-Lambert & Krementsov, Genetics (OUP) 2019 — die Akademie-Sitzung von 1948. academic.oup.com
  19. 19 · Vier-Plagen-Kampagne / Spatzen: Frank et al. (NBER), zusammengefasst bei UChicago/EPIC; Great-Famine-Totenzahlen 15–55 Mio. epic.uchicago.edu
  20. 20 · „Deutsche Physik": Scientific American 2024, „How 2 Pro-Nazi Nobelists Attacked Einstein's ‚Jewish Science'". Übersicht
  21. 21 · DDR-Doping (Staatsplanthema 14.25): Franke & Berendonk, Clinical Chemistry 1997; Stasi-Akten ab 1993; ~9.000 Athleten.
  22. 22 · Pripiski / Usbekische Baumwoll-Affäre: Cucciolla 2017; Gale, „A Window on the Soviet Breakup" (58.000 betroffen, ~20.000 angeklagt).
  23. 23 · Retraktionsraten nach Land: Van Noorden, Nature 624, 2023.